Das Ohrlochstechen



Früher

Ohrlochstechsysteme

Selberstechen



Früher

"Um Ohrringe und überhaupt Ohrgehenke zu tragen, muß man die Ohrläppchen durchbohren wenn man keinen Ohrendraht, welcher doch etwas unbequem ist, anlegen will"
schreibt Johann Georg Krünitz 1807 in einem Artikel zum Ohrring. J.G.Krünitz:Enzyklopädie,Art.Ohrring,105.T.1807,S.57.

Vor der gleichen Entscheidung sind Personen- seien es nun Frauen oder Männer- auch heute gestellt, wenn sie sich zum Ohrringtragen entschlossen haben. Eine große Zahl von Frauen, die das Durchstechen der Ohrläppchen als Körperverletzung ablehnt, steht mit dem Clipverschluß – insbesondere beim Modeschmuck – heute eine praktische Alternative zur Verfügung, die man im 19. Jahrhundert nicht kannte. Für die gleiche Gruppe von Ohrringträgerinnen haben sich Junge Goldschmiede vielfältig gestaltete Ohrreifen zum Einhängen in die Ohrmuschel ausgedacht als Alternative zu den Klappbrisuren. Eine interessante Parallele zum 19. Jahrhundert sind die Ideen moderner Goldschmiede, die ohne Kenntnis des bei Krünitz erwähnten Ohrendrahts auf der Suche nach einem sicheren Verschlußsystem für lange Ohrringe mit Bügeln eine vergleichbare Lösung fanden.

..... Im Gegensatz zur heutigen Methode, Löcher mit der Druckpistole schnell und vor allem schmerzfrei ins Ohr zu "schießen" war das Durchstechen der Ohrläppchen in der Vergangenheit immer mit einer kleinen "Operation" verbunden, die für den Patienten nicht ohne Schmerzen verlief und überdies vielfach langandauernde Entzündungen verursachte. Ein anschauliches Bild davon, wie Ohrlochstechen zu Beginn des 19. Jahrhunderts vorgenommen wurde, gibt die folgende Schilderung von J.G. Krünitz in seinem bereits erwähnten Artikel zum Ohrring

" Da wegen der Länge er Zeit die Ohrläppchen, besonders wenn schwere Ohrgehenke getragen werden, durch die allzugroße Ausdehnung leicht durchgerissen werden können : so muß man die Löcher so hoch oben als möglich ist, machen, und die Stelle vorher mit Tinte bezeichnen. Indem nun die Person sitzt und ein Gehülfe ihren Kopf unterstützt, so dehnt der Wunarzt das Ohrläppchen über einem untergelegten Kork aus und durchbohrt sodann dasselbe mit einem nadelförmigen Instrumente. Sodann zieht er solches zurück, wie es bey der gewöhnlichen Art geschieht, nimmt den Kork weg, und steckt durch die gemachte Oeffnung einen Bleydraht welcher darin gelassen, und täglich, wenn man ihn zuvor mit Oehl bestrichen hat, hin und gezogen wird, wodurch das Loch in kurzer Zeit schwielicht gemacht wird. Dieses nadelformige Instrument muß aber eigentlich wie eine kleine Spicknadel gestaltet seyn und am Ende den kleinen Bley- oder Golddraht eingesteckt enthalten, damit man es nicht wieder zurückziehen darf, sondern gerade durchziehen kann, welches nicht so viele Umstände und Schmerzen macht, als wenn man es herauszieht und dann den Draht einsteckt. Einen seidenen Faden im Ohrloche zu lassen, bis es ausgeheilt ist, taugt gar nicht, indem die Seide das Heilen mehrere Wochen verhindert, und viele Eiterung und Schmerzen verursacht.-Bequemer und mit weniger Schmerzen kann man die Operation verrichten, wenn man sich zu selbiger eigener Instrumente bedient, mittelst welcher das Ohrläppchen ausgespannt, und gegen den Schmerz bey der Durchbohrung ganz unempfindlich gemacht wird. J.G.Krünitz:Enzyklopädie,Art.Ohrring,105.T.1807,S.5f.
Spezielle Instrumente zum Stechen von Ohrlöchern waren schon lange vor der Beschreibung bei Krünitz 1807 bekannt und kamen offenbar Ende des 17. Jahrhunderts auf. 1693 erwähnte der Autor des Chirurgischen Werks "Handgriffe der Wund-Artzney", Cornelius Solingen, ein neues von ihm kostruiertes Gerät zum Stechen von Ohrlöchern. L.Weiser-Aal Orerringer, S49:

Wenn das Gerät auch nicht näher beschrieben wird, so ist anzunehmen, daß es sich dabei um eine ähnliche Zange handelt, auf die auch 1740 Zedlers Universallexikon eingeht. Mit diesem Instrument, wurde das Ohrläppchen zunächst zusammengedrückt, um es so unempfindlich gegen Schmerzen beim anschließenden Stich mit der Nadel zu machen, um auf diese Weise zu erreichen," daß das Loch fein gerade werde" J.H.Zedler:Universallexikon,Art.Ohren zu durchstechen,25.Bd.,1740,Sp.1050

Auch während des 19.Jahrhunderts blieb die Ohrlochzange in Gebrauch. Form und Anwendung derselben beschreibt ausführlich ein 1865 erschienenes Hauslexikon:"Um die Ohrlöcher dazu in ganz gerader Richtung zu stechen, bedient man sich zweckmäßig einer kleinen elastischen Zange, welche wie eine Zuckerzange gestaltet und an den äußersten Enden mit flachen Stahlplättchen versehen ist, die gleichmäßig durchbohrt sind. Mit diesen durchbohrten Plättchen wird das Ohrläppchen gefaßt, und zwar so, daß die Öffnung genau auf die Stelle kommt, wo das Loch eingestochen werden soll. Darauf sticht man mit einer vorher mit Öl bestrichenen Nadel durch die Löcher der erwähnten beiden Plättchen, welche das Ohrläppchen gefaßt haben. Hauslexikon,Art.Ohrringe,6.Band 1837,S.178.
ob es sich bei einer von Wiener Goldschmieden 1865 verwendeten Stechmaschine noch um eine solche einfache Zange handelte, läßt sich nicht mit Sicherheit sagen. K.M.Klier:Rezension L.Schmidt,S.215.
Zumindest gehörten Ohrlochstecher in Zangenform neben technisch fortschrittlicheren Geräten noch 1958 zum Sortiment eines Großhandels für Goldschmiedebedarf in Bad Cannstatt Katalog W.Woeckel, Stuttgart-Bad Cannstatt, 1958(MDV 62 K 598), S172.

Zunächst waren es Ärzte insbesondere Goldschmiede und Uhrmacher, die zur Herstellung und zum Verkauf von Ohrringen auch das Stechen der Ohrlöcher übernahmen. Im 19. Und in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde diese Aufgabe auch von Friseuren (Hinweis von Friseur Günter Timplan, Berlin (geb. 1919), der während seiner Lehrzeit in Köthen/Sachsen-Anhalt mehrfach Ohrlöcher mit einer ausgeglühten Stopfnadel stach. Um die Nadel besser im Griff zu haben, wurde sie mit dem stumpfen Ende in einen Flaschenkorken gesteckt. Nach seiner Aussage schickten Ärzte vielfach Patienten zum Ohrlochstechen zum Friseur.) , Sanitätssoldaten, Männer und Frauen, die zur Ader lassen konnten, ja selbst von Schmieden und Schustern ( Hinweis von Ruth Hoevel, Marburg. Sie berichtet, daß ihre Mutter (geb. 1893) im Alter von 6 Jahren in Senftenberg/Sachsen Ohrlöcher vom Schuster mit dem Pfriem gestochen bekam.) durchgeführt. Bei Seeleuten stach der Segelmacher an Bord mit seiner Segelmachernadel Ohrlöcher. Auf dem Lande kam es häufig vor, daß Hebammen Mädchen gleich nach der Geburt Ohrlöcher stachen. Vielfach waren es auch Nachbarinnen oder Mitglieder der Familie, die diese Aufgabe bei Kindern im Schulpflichtigen Alter übernahmen.(Hinweis von Inge Schwarzwälder, Bremen. Sie berichtet darüber, daß der Vater ihrer Schwiegermutter, der Hafenarbeiter in Bremen war und mit seiner Familie in Hasenbüren wohnte, vier seiner fünf Töchter im Alter von sechs bis sieben Jahren Ohrlöcher mit einer Stopfnadel stach und sie dabei zwischen den Knien festhielt. Nur eine Tochter (Henriette Köster, 1892-1970) wehrte sich vehement gegen diese Methode. Sie bekam daher auch nie Ohrringe eingesetzt.)
Wie schon bei Krünitz erwähnt, nahmen Ärzte den Ohrläppchenstich wegen ihrer entzündungshemenden Eigenschaften mit Gold- oder Silbernadeln vor. Größtenteils verwendete man nur einfache Stopfnadeln oder Schusterpfriemen, die über einer Kerze geglüht wurden. Anschließend durchstach man das Ohrläppchen gegen ein dahinter gehaltenes Stück roher Kartoffel oder einen Korken. L.Weiser-Aal:Oreringer,S.49.-Frdl. Hinweis von Dr.D.Hentschel, Berlin
In Deutschland sowie in anderen europäischen Ländern zog man im 18. Und 19. Jahrhundert kleine Ringe aus Blei in die Ohrlöcher, um diese bis zum Abheilen der Wunde offenzuhalten. J.H.Zedler:Universallexikon, Art.Ohren zu durchstechen,25.Bd.1740,Sp.1050.-Hinweis v.Henning Henningsen,Helsingor, der über die Verwendung von Bleiringen aus Dänemark berichtet.- L.Weiser-Aal:Oreringer,S.49. Danach ersetzte man die Bleiringe durch Ohrringe aus Gold, Silber, zum Teil sogar aus Messing. L.Schmidt : Männerohrring, S.77.
Mangelnde hygienische Vorsorge und die Sitte, bis zum Abheilen der Wunde Seidenfäden in die Löcher einzuführen, hatte meist Eiterungen des Stichkanals und Entzündungen, vielfach sogar starke Schwellungen der Ohrläppchen zur Folge, so daß gerade bei Kindern nicht selten bereits eingesetzte Ohrringe wieder entfernt werden mußten. Eine solche "Operation" und ihre Folgen schildert die Jugendbuchautorin Tony Schumacher (1848 – 1931 ) in ihren Jugenderinnerungen : " Die meisten jungen Mädchen der damaligen Zeit trugen Ohrringe. Der Friseur durchstach rasch und sicher mit einer erhitzten goldenen Nadel das Ohrläppchen, die reingoldenen Ringelchen wurden dann durchgezogen und die kleine Entzündung war in ein paar Tagen vorüber. Marie Scholl empfand tief, daß sie diesen Schmuck nicht besaß – ihre Mutter war aus irgendeinem Grund dagegen, und so, wie ich einstens das Netzchen, so krankhaft wünschte sie, nur einmal wenigstens Ohrlöchlein zu haben, denn dann würde doch die Mutter gewiß nachgeben und sie die "Boutons", die zu Hause in einem Schächtelchen waren , anlegen lassen. Mariens Not ging mir zu Herzen und ich erwog: "Wenn du nicht schreien wolltest – das Durchstechen könnte ich dir besorgen – wie man`s macht, weiß ich genau, "sagte ich, und Marie ergriff den Vorschlag mit unbändigem Entzücken und der heiligen Versicherung, daß sie nicht " mucksen" werde. Also zur sofortigen Ausführung in unser Zimmer ! Ein Licht wurde angezündet, Marie an den Waschtisch gesetzt, und Anne mußte ihr ein Stück Seife – so hatte ich`s beim Friseur gesehen – hinter das Ohr halten. Und nun rasch ans Werk ! Eine goldene Nadel hatten wir natürlich nicht, aber zu was hatte man Haarnadeln auf dem Kopf ? Ich ergriff eine – daß sie unten stumpf war, machte uns keine Bedenken. Mit Sachkenntnis hielt ich sie ans Licht, bis sie rot glühte, und nun ...." Es tut kaum ein bißchen weh!" sagte ich beruhigend, geradeso, wie ich's vom Friseur gehört hatte, und setzte das gräßliche kleine Instrument bohrend an. Es rauchte und zischte und ging wirklich durch ! Woher Marie die Kraft genommen, solche Schinderei, ohne " zu mucksen und zu schreien" auszuhalten, ist mir noch heute ein Rätsel, und noch fabelhafter ist mir, daß sie nachher noch den Mut fand, auch das zweite Ohr darzubieten. Aber was kann die Eitelkeit nicht ! Und die ihr eigene, schon damals wie es scheint eiserne Willenskraft gehörte dazu, auch noch zu gestatten, daß ich ihr, in Ermangelung von Ringen, einen roten Faden durchzog," damit`s nicht wieder zuwächst". Es hatte Blut gegeben, Marie und auch ich waren bleich geworden, doch das Werk war vollbracht.- Jetzt noch läuft`s mir kalt den Rücken hinauf, wenn ich an diese Prozedur, an die unreine Nadel, an den rotgefärbten Seidenfaden und an die zu dreifacher Dicke entsetzlich angeschwollenen Ohrläppchen denke, mit denen Marie am anderen Tag zu den Eltern zurückkehrte. Zum beiderseitigen Glück entstand nichts Schlimmeres daraus als das, daß die arme Märtyrerin alles umsonst geduldet, denn " Jetzt erst recht nicht !" hatte ihre sonst so milde Mutter erklärt, und dabei blieb`s – ohrringlos ist meine Marie durchs Leben gewandert!" T. Schumacher: Kindheitsparadies, S.107 f.

Diese und andere Berichte aus dem 19. Und dem 20. Jahrhundert beschreiben das Ohrlochstechen vielfach als schmerzhafte "Tortur", so daß Kinder nicht selten nach dem ersten Stich den zweiten verweigerten. Schmerzlinderung durch Betäuben der Ohrläppchen wurde offenbar nur selten angewandt, wenngleich der Fachhandel für Juweliere und Goldschmiede entsprechende Ampullen mit Medikamenten bereithielt. Ein probates Hausmittel war allerdings die Betäubung mit Brennesseln, die bis in die jüngste Vergangenheit von Zigeunern aus Wien und dem Burgenland vor dem Stechen von Ohrlöchern üblich war. C. Mayerhofer : Dorfzigeuner S.209

In der Zeit vor und nach dem Zweiten Weltkrieg standen dann schon wesentlich verbesserte Instrumente zum Ohrlochstechen zur Verfügung. ""Das Einstechen muß flott und exakt gehandhabt werden, damit es möglichst wenig Schmerzen verursacht" Katalog W. Woeckels, Stuttgart-Bad Cannstadt, 1958, S 171 lautet daher auch die exakte Anweisung in einem Katalog von 1958. Ohrlochstecher, die dort angeboten wurden, waren in ihrer Anwendung bereits der heutigen Ohrlochpistole verwandt, mit einem Hebel versehen, mit dem die Nadel per Federdruck durch das Ohrläppchen geschossen werden konnte. Mit der Nadel mußte beim Durchstich allerdings noch ein Ring aus Silber, später aus chirurgischem Stahl, in das Loch eingeführt werden, um das anschließende Einfädeln der Ohrringe zu erleichtern. Die Hülsen wurden danach mit einer kleinen Zange entfernt.

Frdl. Hinweis des Berliner Goldschmieds Wolfgang Diehl, der ein vergleichbares Modell bis mitte der achtziger Jahre verwendete.

Anders als vom Fachhandel angenommen, daß "diese kleine Operation bei uns auch von jedem Goldschmied durchgeführt wird”
Katalog W.Woeckel, S171.
Waren mit zunehmender Nachfrage nach Möglichkeiten zum Ohrlochstechen Mitte der 70er Jahre zunächst nur wenige Goldschmiede und Juweliere mit geeigneten Geräten ausgestattet und auch dazu bereit, das Durchstechen der Ohrläppchen auszuführen, so daß sie ihre " Patienten " zunächst zum Arzt schickten.
Frdl. Hinweis von Wolfgang Diehl, Berlin.
Der Handel reagierte allerdings schnell auf die steigende Nachfrage und importierte moderne Druckpistolen einer amerikanischen Herstellerfirma, die innerhalb weniger Sekunden mit dem Durchstich des Ohrläppchens zugleich kleine Ohrstecker schmerzfrei ins Ohr "schossen". Die beiden Teile der verwendeten Stecker bestehen aus chirurgischem Stahl, einem schon zuvor in der Medizin verwendeten Material, das , ähnlich wie Gold, entzündungshemende Eigenschaften besitzt. Diese müssen vom jeweiligen Patienten vier bis sechs Wochen getragen und die Löcher bis zum Abheilen mit einem aseptischen Medikament behandelt werden. Danach können die Erststecker, die auf der Vorderseite meist einfache silber- oder goldfarbigen Metallplättchen unterschiedlicher Formen oder synthetischen Farbsteinen verziert sind, weiterhin im Ohr belassen oder durch Ohrringe aus Edelmetall oder Modeschmuck ersetzt werden. Die leichte Handhabung dieses neuen Instruments und die schmerzfreie Behandlung waren Gründe dafür, das sich die Druckpistolen mit zunehmender Beliebtheit des Ohrringtragens ausbreiteten und heute nahezu ausschließlich angewandt werden. Nach dem Vorbild amerikanischer Frisöre organisierte eine Schweizer Firma 1976 in ihren Filialen einen "Ohrlochdienst", den der Eigentümer mit einem " Goldenen Schuß" des Sängers Vico Torriani in Anspielung an dessen gleichnamige Unterhaltungssendung werbewirksam in der Öffentlichkeit vorstellte. Die neue Art der Behandlung mit der Druckpistole hatte zur Folge, daß Patienten und Fachhandel nicht mehr vom Ohrlochstechen sondern überwiegend vom Ohrlochschießen sprechen. Das Durchschießen der Ohrläppchen wird heute nicht nur von Goldschmieden, Juwelieren und Frisören, sondern auch von Parfümerien, Kaufhäusern, Schmuck- und Ohrringboutiquen und sogar von Straßenhändlern im Ohrringverkauf angeboten und durchgeführt. Die Preise dafür betragen 20 bis 30 DM, in Kaufhäusern 8 bis 10 DM. Wichtig bei der Anwendung ist allerdings, daß der Ohrschuß unter Berücksichtigung aller gebotenen hygienischen Maßnahmen erfolgt. Der leichte und zunehmend sorglose Umgang mit Ohrlochpistolen – selbst im Straßenhandel – hat die Infektionsgefahr erhöht. Vor einigen Jahren wurde daher vor dem Hintergrund der AIDS-Diskussion in der Öffentlichkeit Ohrlochstechen in Frage gestellt. Aus Gründen der Infektionsgefahr erließen die Bundesländer in der letzten Zeit Hygieneverordnungen zur Verhütung übertragbarer Krankheiten für Frisöre, Kosmetikgeschäfte, Tätowierer, in der Akupunktur und für Ohrlochstecher, die diesen notwendige hygienische Maßnahme bei der Berufsausübung auferlegt.
Eingesehen wurde die Hygieneverordnung des Landes Nordrhein-Westfalen vom 10.5.1988.- Auch das Deutsche Rote Kreuz erfragt bei Ohrringträgern wegen der Infektionsgefahr, wie lange das Stechen der Ohrlöcher zurückliegt. Falls die Löcher nicht vom Arzt gestochen wurden, besteht eine sechsmonatige Wartezeit für Blutspender. Frdl. Hinweis des Deutschen Roten Kreuzes Berlin.
Um jede Berührung mit dem Ohrstecker beim Einlegen in die Pistole zu vermeiden, bietet der Handel seit 1989 in Plastik verschweißte Sets zum Ohrlochstechen an. Diese erweisen sich in der Handhabung aber als so wenig praktisch, daß die meisten Ohrlochstecher weiterhin mit den zuvor gebrauchten Pistolen arbeiten. Nicht nur das Durchstechen der Ohrläppchen, auch das Tragen der Ohrringe hat im letzten Jahrzehnt zunehmend gesundheitliche Probleme mit sich gebracht. Besonders bei dem bevorzugt getragenen Modeschmuck, der aus nickelhaltigen Metallegierungen besteht, können Ohrringbrisuren beim Kontakt mit der Haut Allergien verursachen, die mit Hautrötungen und Eiterungen des Stichkanals verbunden sind. Die Ausweitung der Kontaktallergien bei Männern wie bei Kindern bis ins vorschulpflichtige Alter hat seine Ursache hauptsächlich im Tragen von Ohrringen. Diese Tatsache zeigt sehr deutlich, welche Altersschichten und Bevölkerungsgruppen die Ohrringmode mittlerweile erfaßt hat.
Frdl. Hinweis der Hautklinik der Universität Heidelberg. Auch aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg wurden Clipverschlüsse bei der Anfertigung von Frauen bevorzugt, die wegen Silber oder Nickelunvertäglichkeiten keine anderen Ohrringe tragen konnten. Selbst Weißgoldschmuck kann durch seinen Nickelanteil bei Ohrringträgern Allergien verursachen. Frdl. Hinweis von Goldschmied Dietrich Schenk, Berlin
Wird fortgesetzt.

Sekundärquelle :"Dem Volk auf Ohr geschaut",
Dietrich Reimer Verlag, Berlin 1989,
ISBN 3-496-01068-1


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Ohrlochstechsysteme

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Selbststechen von Ohrlöchern

An alle Ohrloch-(Selbst-) Piekser/innen: ich kann Eure Begeisterung auch aus reichlichen eigenen Piercing-Erfahrungen sehr gut verstehen. Ein bißchen "Technik" sollte jedoch sein, um dauerhaft Freude an den Piercings zu haben und vor allem, um schöne (und nicht z.B. ausgerissene oder herausgewachsene!) Piercings dauerhaft zu erhalten. Piercings sind eine Anschaffung für’s Leben und sollten deshalb sorgfältig geplant und ausgeführt werden! Viele Leute stechen sich ihre Ohrlöcher und sonstigen Piercings lieber selbst, weil sie etwas wenig Vertrauen zu Piercern und vor allem zu den meist dilletantisch arbeitenden Schmuckläden habe, die Ohrloch- und Nasenstecker-Stechen anbieten. Auch wenn's schnell und schmerzlos geht: ich würde abraten, die Löcher mit einer Pistole machen zu lassen, weil man je nach Pistolentyp und Form der Ohrläppchen den Durchstich und die Durchstichrichtung einfach nicht mit der erforderlichen Exaktheit plazieren kann. Besser, aber teurer ist ein professioneller Piercer. Die gibts inzwischen in fast jeder größeren Stadt. Immerhin sind Ohrlöcher eine Anschaffung fürs Leben und sollten sorgfältig gemacht sein, wenn man/frau dauerhaft Freude damit haben möchte! Wer's selbst machen möchte: geeignet ist eine normale Nadel, angespitzte, längere Ohrstecker oder die bei Piercern üblichen Kanülen von Einwegspritzen, Handwerker-Aalen (mit nicht zu dicker Nadel, läßt sich meist austauschen) oder aus ähnlichen Gerätschaften (z.B. spitz zugefeilte Nähfaden-Einfädler) selbst gebastelte längere Nadeln mit Griff. Alles sollte zumindest mit kochendem Wasser und Abreiben gründlich gereinigt sein. Beim Stechen ist wichtig, daß die Stechrichtung ca. parallel zum Kopf verläuft, besonders bei stark anliegenden Ohren. Andernfalls hängen später Creolenringe höchst unschön seitlich weg, und die Enden von Ohrstecker-Durchstiften können unangenehm pieksen, wenn man drauf zu liegen kommt. Außerdem soll das Hauptloch möglichst genau im Zentrum des Ohrläppchen oder minimal oberhalb angebracht werden. Bei nicht sehr ausgeprägten oder angewachsenen Ohrläppchenformen ist die optimale Plazierung besonders wichtig. Berücksichtigen sollte man, daß sich beim dauerhaften Tragen von Baumel-Ohrringen und Gehängen mit den üblichen sehr dünnen Durchsteckstiften bzw. -Bügeln bei Baumel-Ohrschmuck das Ohrloch im Laufe der Zeit nach unten zieht. Bei kleinen oder angewachsenen Ohrläppchenformen kann dies langfristig schlimmstenfalls zum Ausreißen des Lochs führen. Deshalb werden in südlichen Ländern, wo größere Baumel-Creolenringe oder -Gehänge schon seit langem üblich sind und ununterbrochen bereits von Kindesalter an getragen werden, die Ohrlöcher traditionell sehr weit oben im Ohrläppchen angebracht, was zwar vielleicht ”praktisch” ist, aber unschön aussieht. Im Laufe des Lebens ”schneidet” sich der (zu) dünne Durchsteckbügel des Ohrrings durch das weiche Ohrläppchen, so daß die Ohrlöcher älterer Frauen oft bis zu 1cm langen ”Schlitzen” gezogen sind. Im Normalfall genügt jedoch, wenn der Erstlings-Durchstich etwas weiter oberhalb der Ohrläppchenmitte angebracht wird und die Stechrichtung hinten leicht schräg nach oben verläuft, um möglichst viel ”Fleisch” zu erfassen. All dies wird von vielen unerfahrenen Ohrlochstechern aus Unwissenheit oder Ungeschicktheit oft nicht berücksichtigt und durch die mangelhafte Technik der handelsüblichen Schußpistolen oder Drücker ebenfalls nicht gerade gefördert. Hauptsache, die Prozedur geht schnell und tut nicht weh, was meist auch vom Kunden so gewünscht wird. Die manchmal unschönen langfristigen Folgen überdenkt niemand! Dickere Durchsteckstifte ab ca, 1,5 mm Stärke könnten das ”Einschneiden” verhindern, sind jedoch bei ”normalem” Schmuck kaum vorzufinden. Außer bei ”richtigem”, direkt durchgesteckten Piercingschmuck. Allerdings ist die typische Piercingschmuck-Optik nicht jedermanns Sache und im normalen Berufsalltag meist nicht passend oder unerwünscht. Ansonsten bleibt nur der relativ teure Umbau des Ohrschmucks durch einen Goldschmied. Natürlich bleibt nach dem Abnehmen solchen Schmucks ein ziemlich großes Loch im Ohr zurück, welches nach längerem Nichttragen von Ohrschmuck und mit etwas Massage nach einiger Zeit von selbst schrumpft. Aber selbst ein schmuckloses Loch kann an einem hübschen Ohr sehr sexy wirken. Viele finden gerade das kleine Loch interessant! Und Ohrringe werden heute gerne wieder ständig getragen! Das Durchstechen des Ohrläppchens ist übrigens kaum zu spüren. Lediglich das Durchpieksen der Haut hinter dem Ohrläppchen kann etwas wehtun und erfordert oft ein wenig ”Gewalt”, wenn das Loch langsam und gefühlvoll mit einer Nadel oder Aale o. ä gestochen wird. Die langsamere Methode hat den Vorteil, daß die Stechrichtung noch etwas korrigiert und optimiert werden kann. Der "Ausstich“ hinten ist für den richtigen Stand des Ohrlochs und die Dauerhaftigkeitt jedoch äußerst wichtig. Evtl. ein Stück (sauberen!) Kork oder dicken Karton gegenhalten. Ein schlecht gestochenes Ohrloch am besten sofort wieder zuwachsen lassen und nach einigen Wochen neu stechen! Evtl. zusätzliche Ohrlöcher dann je nach anatomischen Voraussetzungen und auf jeden Fall in möglichst gleichmäßigen Abständen anbringen! Die frischen Ohrlöcher sind meist nach 2-6 Wochen vollständig verheilt, wenn man sie in Ruhe läßt und nicht ständig irgendwelche Cremes, Antiseptica u. ä. draufschmiert und der Erstlingsschmuck aus hautverträglichem Material besteht (was übrigens subjektiv nicht alle "medizinischen" Ohrstecker sind). Mit durchgesteckten Ringen heilt's übrigens etwas schneller als mit Steckern, weil mehr Luft an die kleine Wunde kommt. Zur Hautpflege keine der handelsüblichen Antiseptmittel etc. verwenden, sondern nur (ganz sparsam) etwas gutes Olivenöl, damit die Haut geschmeidig bleibt! Anfängliches Nässen und Eitern von frischen Piercings ist normal. Wenn sich neue Haut im Stichkanal bildet, zeigt sich das meist durch intensives Jucken an. Bleibt die Umgebung des neuen Piercings ständig entzündet, ist evtl. ein unverträgliches Schmuckmaterial eingesetzt. Dann den Erstlingsstecker oder -Ring herausnehmen, durch einen anderen verträglicheren ersetzen oder zeitweilig (tageweise) den Schmuck herausnehmen, damit sich die Wunde beruhigen kann. Erst nach Abklingen der Entzündung oder Schwellung wieder Schmuck einsetzen. Wird längere Zeit kein Durchsteckschmuck getragen, kann das Löchlein natürlich wieder zuwachsen, läßt sich jedoch leicht durch Durchpieksen wieder reaktivieren! Im verheilten Stichkanal können sich kleine Talgansammlungen bilden, die regelmäßig entfernt werden sollten. Trotz dieser "trockenen" Technik viel Spaß beim Schmücken und alles gute für ein vielleicht piercingreiches neues Jahrtausend!
Geschrieben von Alwin am 24. Dezember 1999 im Ohrlochforum

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